Herr Lingott, wie kamen Sie damals auf die Idee, Berliner Schulpate ins Leben zu rufen? Was waren Ihre Beweggründe, Ihre Inspiration?

Die Idee, Berliner Schulpate ins Leben zu rufen, entstand 2012, im Nachklang eines Besuchs einer Kreuzberger Grundschule, an dem ich teilnahm. Auf die Frage nach den Berufswünschen der Kin-der antworteten einige Schüler*innen „Hartzer“. Das war ein Schlüsselmoment für mich, um nicht zu sagen, auch ein Alarmsignal. Ich verstand damals, dass für viele Kinder die Arbeitslosigkeit der Eltern die Normalität ist, und dass sie nicht mehr wissen, dass es unzählige Berufe gibt, die man ergreifen, mit denen man sein Geld verdienen kann und die auch noch Spaß machen können. Die Perspektivlosigkeit mancher Schüler*innen ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht auch, weil ich Mitarbeiter der Berliner Handwerkskammer war und bin und somit Handwerksbetrieben, Unternehmen und auch Azubis nahe bin.

Nach und nach entstand ein konkretes Konzept. Es basierte auf dem Grundgedanken, Aufklärungsarbeit in Grundschulen in sogenannten „Problemkiezen“ zu leisten, vor allem für Kinder aus sozial schlechter gestellten Familien. Das heißt, mindestens 50 Prozent der Eltern der Schüler*innen erhalten Sozialleistungen. Und ich wollte das Projekt in Grundschulen etablieren, weil ich eine besondere Chance darin sah und sehe, dass Kinder in diesem Alter sehr neugierig, begeisterungsfähig und auch formbar sind. Bis heute ist dieser Ansatz, meines Wissens, ein Alleinstellungsmerkmal.

Lief, als Ihre Entscheidung getroffen war, Berliner Schulpate zu gründen, alles wie am Schnürchen? Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie damals zu kämpfen? Welche Hürden mussten genommen werden?

Am Anfang musste ich viel Überzeugungsarbeit leisten. Auch in der Handwerkskammer selbst. Die Idee, in der Grundschule mit beruflicher Bildung, mit Wissen über verschiedene Berufe, ganz praktisch in Form von Berufe-Stunden und Betriebsbesichtigungen zu beginnen, war vielen zunächst fremd. Aber steter Tropfen höhlt den Stein. Irgendwann waren die Menschen, die ich gerne im Boot haben wollte, bereit, mitzugehen. Nach dieser Phase lief eigentlich alles wie am Schnürchen. Wir begannen Kooperationen mit Grundschulen, die unsere Kriterien erfüllten, mit der Suche nach Menschen und Betrieben, die in den Grundschulklassen ihre Berufe vorstellen – den sogenannten Berufspat*innen – und nach Finanzierungsmöglichkeiten. Die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales war schnell als Förderer gewonnen und auch unsere privaten Sponsoren, Berliner Volksbank eG und GASAG AG, waren von Beginn an sehr aufgeschlossen und sind seit jeher unsere Sponsoren. Ja, so wurde aus der Initiative Ende 2013 eine gGmbH.

Und mit welchen Schwierigkeiten beschäftigen Sie sich heutzutage?

Tatsächlich überlagert aktuell Corona die gesamte Situation auch bei Berliner Schulpate. Eigentlich wollten wir in diesem Jahr den 6. Geburtstag feiern. Durchgeführt werden konnte jedoch nur eine Veranstaltung Anfang des Jahres mit der Bäcker-Innung und Kindern aus der Galilei-Grundschule, die erste Grundschule, die in unser Programm aufgenommen wurde. Die Senatorin Elke Breitenbach war auch anwesend, was uns sehr gefreut hat.

Also mussten wir umdenken, Flexibilität zeigen und konstruktiv darauf reagieren, da niemand weiß, wie lange wir uns noch mit dem Virus beschäftigen müssen. Die Kontaktbeschränkungen beeinträchtigen natürlich das Konzept, das auf den persönlichen Kontakt aller Beteiligten in Berufe-Stunden und Betriebsbesichtigungen setzt. Berliner Schulpate sieht die Situation jedoch nicht als Bedrohung für das Projekt, sondern nutzt diese unübersichtliche Zeit, optimiert seine Module und passt sein Angebot den aktuellen Umständen in den Schulen und Betrieben an. Wir haben ein flexibles, nachhaltig nutzbares „hybrides Modell“ entwickelt. Virtuelle, interaktive Module ergänzen oder ersetzen im Ernstfall sogar das ursprüngliche Programm „Abenteuer Beruf“. In Kürze gehen wir hier mit ausgewählten Schulen in eine erste Testphase. Damit sind wir ziemlich beschäftigt.

Ansonsten widmen wir uns dem durch Corona erschwerten Tagesgeschäft: der Planung von Berufe-Stunden, der Akquise weiterer Berufspat*innen und Unterstützer*innen, die sich gesellschaftlich engagieren wollen und der Suche nach Multiplikatoren, die mit ihren Netzwerken dazu beitragen, dass Berliner Schulpate noch bekannter wird.

Das Jahr 2020 geht seinem Ende entgegen. Wie war das Jahr für Berliner Schulpate?

Das Jahr verlief, wie gesagt, anders als ursprünglich geplant. Dennoch war dieses Jahr ein besonderes für das Berliner Schulpate-Team. Aufgrund der großen Nachfrage von Schulen, an dem „Abenteuer-Beruf“-Programm teilnehmen zu können, wurde das Team von drei Kolleginnen auf sechs verdoppelt. Das bedeutete Einarbeitung, Entwicklung neuer Strukturen und Prozesse, Teambuilding etc. Nach einem halben Jahr kann ich sagen: hat alles gut geklappt. Die neuen Kolleginnen sind fit im Thema, auch dank dem Know-how derer, die schon länger dabei sind.

Und was hat Berliner Schulpate in den vergangenen sechs Jahren erreicht?

Ich freue mich darüber, dass die kleine Pflanze Berliner Schulpate gewachsen, auch ein Stück erwachsener geworden ist. Auch darüber, dass wir schon sehr vielen Kindern einen Samen, der Beruf heißt, einpflanzen konnten und hoffe, dass dieser Samen bei der Einen oder dem Anderen aufgeht und mit dazu beiträgt, den für sie/ ihn passenden Beruf zu finden.

Dass die Grundidee, Berufe schon in Grundschulen vorzustellen, eine gute Idee ist, hat sich in der Praxis bestätigt. Dem stimmen auch unsere „Botschafter*innen des Monats“, eine kleine Kampagne, die wir im Rahmen „6 Jahre Berliner Schulpate“ ins Leben gerufen haben, zu.

Ich finde, wir haben viel erreicht: Seit dem Start Ende 2012 haben sich mehr als 500 Unternehmen, Betriebe und Freiberufler*innen als Berufspat*innen engagiert und Grundschulkindern in zurzeit 27 Schulen Einblicke in ihre Berufe ermöglicht. Pro Schuljahr staunen durchschnittlich mehr als 1500 Schüler*innen im Rahmen des Programms „Abenteuer Beruf“ über so manchen Beruf, von dem sie nicht die geringste Vorstellung hatten.

Und ich möchte die Gelegenheit jetzt vor allem auch dazu nutzen, den vielen Förderern und Unterstützern ein großes Dankeschön zu sagen, ohne die es Berliner Schulpate nicht gegeben und ohne die er auch nicht funktionieren würde: an die vielen engagierten Berufspat*innen, die Lehrer*innen, die mit uns zusammenarbeiten, alle Ehrenamtlichen, die uns wohlwollend begleiten, die Handwerkskammer Berlin, die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, unsere Sponsoren GASAG AG und Berliner Volksbank eG.

Jetzt noch ein Blick nach vorne: Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft von Berliner Schulpate aus? Wenn die gute Fee mit den berühmten drei Wünschen vorbeikäme, welche wären das?

Wir würden gerne weitere Grundschulen aufnehmen. Derzeit arbeiten wir mit 27 zusammen, drei werden im kommenden Jahr hinzukommen. Ich kann mir vorstellen und fände es herausfordernd, wenn wir perspektivisch mit 60 Schulen kooperieren würden. Das umzusetzen ist natürlich eine Frage der Ressourcen und der Finanzen. In 60 Schulen das Programm „Abenteuer Beruf“ klassenstufenübergreifend von der 4. bis zur 6. Klasse durchzuführen, fände ich spannend. Es würde eine tiefere Verankerung des Themas „Beruf“ in den Berliner Grundschulen mit sich bringen und zwar gerade in den Kiezen, wo es am dringendsten gebraucht würde. Das ist mein erster Wunsch an die Fee und die weitestreichende Idee für die Zukunft.

Dann wäre es für das übergeordnete Ziel, Jugendliche für eine Ausbildung, für Berufe zu interessieren, hilfreich, wenn die Ideen und Konzepte des Senats zur Verzahnung gewisser bildungspolitischer Maßnahmen erfolgreich ineinandergreifen würden. Da ist der Senat auf einem guten Weg, wie ich finde. Wir freuen uns, in Zukunft weitere sinnvolle Kooperationen einzugehen und unseren Beitrag dazu in den Grundschulen zu leisten. Das ist Wunsch Nummer zwei.

Und ich würde mich freuen, wenn unser meines Wissens einzigartiges Programm „Abenteuer Beruf“ bundesweit Schule machen würde. Wir stehen bei Interesse gerne beratend zur Seite. Das wäre Wunsch Nummer drei.

Alles steht und fällt mit einer sicheren Finanzierung. Liebe Fee, ich wünsche mir für die Zukunft eine dauerhafte Finanzierung durch den Berliner Senat. Aber das ist Wunsch Nummer vier …

 

Dipl.-Kfm. Arne Lingott gründete Ende 2012 Berliner Schulpate, damals als Projekt innerhalb der Handwerkskammer Berlin. Seit Anfang 2014 ist Berliner Schulpate eine eigenständige gemeinnützige GmbH und Arne Lingott ihr Geschäftsführer. Kinder für Berufe zu begeistern, ist auch heute noch sein Herzensprojekt. Dafür schafft er die nötigen Rahmenbedingungen, knüpft Kontakte und gewinnt Menschen zum Mitmachen. Der Initiator ist verheiratet und hat zwei Töchter.